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Wenn Farben klingen

Ganzheitliches Klang- und Musikerlebnis in der Antoniuskirche

Münster. Wo viel Licht ist, ist bekanntlich auch viel Schatten. Ein Grund mehr für Jürgen Janotta, auf die untergehende Sonne zu warten. Erst das Zwielicht, so weiß der Klang-Künstler, schafft Raum für das Subtile. Erst die Dämmerung zeichnet die zarten Zwischentöne, malt in milderen Farben.

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Deshalb gab bei seinem synästhetischen Konzert „Klang der Farben" in der Antoniuskirche die Natur den Ton an. Genauer: All die milde schillernden Farben, die Kantor Christoph Hillenbrand den durch die hinteren bunten Engelsfenster scheinenden Herbstlaub-Impressionen nach einer Orgelprobe ablauschte. Ein offenbar mystischer Moment, den Hillenbrand in pastosen Tönen auf Leinwand bannte und den die Videokünstler Hermann-Josef Kranefoer und Marlies Hagemann zu neuem Leben erweckten. Als sanft strömendes, geradezu

psychedelisches Farbenspiel im Altarschiff, das mit den tönenden Farben von Janottas „da'Chor" zu einem ganzheitlichen „Klangbild" verschmolz.
Während vorne die Farben tanzten, malte Janotta hinten mit Musik. Mit der balsamisch strömenden Polyphonie Palestrinas, mit Meditationen  von Bach und Benedikt und – schließlich – mit Humperdincks „Abendsegen" Mit Musik also, die ihm und seinem Chor liegt, die er fließen lässt und atmen. Mit lupenreiner Tongebung und vokalreicher Artikulation. Auch wenn im sanften Auf und Ab der Schweller leicht die Langeweile lauert – zu diesem vielfarbigen Einerlei der changierenden Farben passt es wunderbar. Vor Anbruch der erhellenden Dunkelheit weniger. Zu konturlos wirkte der bis zum Manierismus geschönte Klang, der Mendelssohns Psalmvertonung „Richte mich Gott" sentimentaler machte, als er es verdient und in dessen Dunstkreis schon die kurzsilbigen Anfangstakte von Jozef Swiders „Pater noster" wirken wie expressive Geräusch-Attacken.
Lieber zelebriert Janotta tönende Stille. klingendes Schweigen. Spirituelle Andacht im Angesicht des Kreuzes, dessen Schattenwurf in dem projizierten Farbenmeer seltsam zu verschwimmen schien. "Wo zur gleichen Zeit Dunkelheit und Licht ist", so hat Samuel Beckett.einmal gesagt, „haben wir das Unerklärliche". Experiment geglückt.

Von Markus Küper                                                                 Westfälische Nachrichten 2006

Farben im Licht von Palestrina

Konzert: „d’aChor“ mit Soundtrack für Kunst

Münster Die Kirche ist an sich in ihrer Gesamtheit bereits ein Kunstwerk, das häufig gelungene Mischung aus beeindruckender Architektur und würdevoller Innenausstattung ist. Doch einmal fertiggestellt, wird das Meisterstück nicht mehr verändert, nur selten wird zur vorhandenen Kunst etwas hinzugefügt.
In Münsters Antonius-Kirche wagte man den Schritt und öffnete das Gotteshaus am Samstag für Neues. Kantor Christoph Hillenbrand wurde durch das Lichtspiel in der Kirche zu einem ästhetischen Großprojekt angeregt. Zunächst fing er die Stimmung der Farben, die durch die Engelfenster an die Wände geworfen wurden, in einem impressionistischen Ambo-Bild ein. Dem steuerten Marlies Hagemann und Hans-Josef Kranefoer eine Videoinstallation bei, die die Farb- und Lichtwechsel einfingen, verfremdeten und überlagerten.
Im Rücken der Zuschauer erklang dazu Musik aus Palestrinas „Missa Papae Marcelli" vom d'aChor Vokalensemble: ein mystischer und zarter Soundtrack zu einem Liebesfilm, in dem Farben die Hauptrolle spielen. Die Motette „Wachet auf, ruft uns die Stimme" von Hugo Distler wurde zu einem ergreifenden Erlebnis, und Josef Swinders „Pater noster" mit seinem unheimlichen Flüstern erzeugte Gänsehaut, weil Chorleiter Jürgen Janotta die Sänger mit gefühlvoller Hand zu führen wusste.
In der Pause konnten dann Zeichnungen von Hillenbrand bestaunt werden, die einen völlig anderen Stil boten. In expressionistisch starken Strichen zeigten sie zum Beispiel passend zur WM zwei Fußballer im Kopfballduell, die sich in der Leidenschaft fast aus dem Bild zu katapultieren scheinen: die finale Zutat zu einem Ein-Abend-Gesamtkunstwerk, das durch seine Eindringlichkeit zu bestechen wusste..

Heiko Ostendorf                                                                                   Münstersche Zeitung 2006